»Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten werden.« (E. Lévinas) oder Queere Identitäten in der Psychotherapie oder Wer bin ich? Wer ich bin!
Vortrag
Dr. Dipl. Psych. Bernd Heimerl
Interne VeranstaltungEingeladen sind die Mitglieder des Instituts, weitere Teilnehmende werden im Text gesondert benannt.
kostenfrei
Wer bin ich? Wer ich bin! Identität verkörpert Subjektivität als ein sich paradoxes Selbstverhältnis. Bestimmend für die neuzeitliche Identität ist vor allem das Vermögen und die Bereitstellung eines Möglichkeitsraumes zur Selbsterkundung. Die gegenseitige Bereitschaft zur verstehenden und rätselhaften Selbsterkundung in der analytischen Situation ist ein wesentliches Moment in der Psychotherapie mit queeren Personen. Die Frage nach der Identität ist in der Moderne immer mehr durch eine Verlusterfahrung und der Unmöglichkeit definitiver Antworten gekennzeichnet, daher wird die Frage nach der Identität zu einer Frage nach der Selbst-Interpretation. Für Paul Ricoeur bezieht sich die Interpretation zunächst auf eine intentionale Struktur zweiten Grades, die voraussetzt, dass ein erster Sinn bereits konstituiert ist. Die Selbst-Interpretation bezieht sich auf ein im Vorfeld konstruiertes Selbst: für eine queere Person bedeutet dies, das erste Selbst war ein heteronormativ geprägtes Selbst mit heteronormativen Identifikationen, das zweite Selbst bleibt ein heteronormatives Selbst erweitert sich jedoch maßgeblich zu einem queeren Selbst. Die Frage im Geschlecht Wer bin ich? ist eine Frage, die in jeder psychoanalytischen Begegnung auftaucht – bewußt, vorbewußt und unbewußt – und die Aussage im Geschlecht Wer ich bin! polarisiert aktuell in Theorie und Praxis der Psychoanalyse.
Zur Person:
Bernd Heimerl, Dr. rer.nat., Krankenpfleger, studierte Psychologie und Theaterwissenschaften, ist Gestalttherapeut, Psychoanalytiker (DGPT/DPG/IPA) sowie Gruppenanalytiker (D3G, SGAZ). Er ist Lehranalytiker für Einzel und Gruppe, Dozent und Supervisor an verschiedenen psychoanalytischen Instituten, Gründungsmitglied der DPG-Arbeitsgruppe Gender und Psychoanalyse, Trainer im German Chinese Training Course on Psychodynamic Psychotherapy, Shanghai (China) und bei SGAZ (Zürich).